Geschichte: warum gab es Jüdische Kinder in Izieu?

Der 6. April 1944

Eine stetig steigende Bedrohung

Dr. Bendrihem und sein Sohn Gérard

Nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 besetzte die deutsche Armee umgehend die Departements der zuvor italienisch besetzten Zone. Infolgedessen verschärfte sich die antisemitische Verfolgung.

Mehrere Ereignisse der ersten Monate des Jahres 1944 überzeugten Sabine Zlatin von der Notwendigkeit, die Kinder des Heims aufzuteilen und an unterschiedlichen Orten unterzubringen. Am 7. Januar 1944 wurde ihr Arzt Dr. Bendrihem im Nachbardorf von Glandieu verhaftet. Am 8. Februar 1944 besetzt die Gestapo den Hauptsitz der 3. Leitung der Allgemeinen Vereinigung der Israeliten Frankreichs (Union générale des Israélites de France, UGIF) in Chambéry, dem das Kinderheim unterstand, und verhaftete das Personal. Zwei Sozialarbeiterinnen des Garel-Netzwerks, Lili Garel und Margot Kahn, begaben sich nacheinander nach Izieu, um die Zlatins dazu zu bewegen, die ihnen anvertrauten Kinder in ländlichen Familien unterzubringen. Am 6. März 1944 wurde Pierre-Marcel Wiltzer in die Unterpräfektur Châtellerault versetzt, wodurch Sabine Zlatin ihren wichtigsten Fürsprecher verliert. Die Bedrohung rückt näher: Bei Voiron im Departement Isère verhaftete die Gestapo in der Nacht vom 22. auf den 23. März 1944 die jüdischen Kinder von La Martellière.

Am 2. April ist Sabine Zlatin in Montpellier, wo sie hofft, Zufluchtsorte für ihre Kinder zu finden; sie plant, am 6. April nach Izieu zurückzukehren; die Abreise der Kinder in kleinen Gruppen ist für den 11. April geplant.
In Montpellier informiert sie ein Telegramm Marie-Antoinette Cojeans, der Sekretärin der Unterpräfektur Belley, von der Razzia: „Kranke Familie – ansteckende Krankheit. “

 

Die Razzia

Am Donnerstag, dem 6. April 1944 beginnen die Osterferien. Am Vortag machte sich die Lehrerin Gabrielle Perrier gleich nach dem Unterrichtsende für einige Tage zu ihrer Familie auf.

Am Morgen kehrten die Jugendlichen, die die Schule in Belley besuchten, in Begleitung von Léon Reifman nach Izieu zurück, der die Osterferien mit seiner Schwester, einer Erzieherin im Kinderheim, und seinen Eltern verbringen wollte. Und auch Fritz Lœbman, der auf Lucien Bourdons Hof in Brens arbeitet, ist im Kinderheim anwesend.

Gerade als die Kinder auf ihr Frühstück warten, fuhren eine Abordnung der Wehrmacht in zwei in Belley beschlagnahmen Lastwagen sowie ein Wagen der Gestapo von Lyon vor dem Haus vor. Sie verhaften handstreichartig die 45 anwesenden Kinder und die sieben Erwachsenen, die sich um sie kümmern. Nur dem von seiner Schwester gewarnten Leon Reifman gelang durch einen Sprung aus dem Fenster die Flucht. Anschließend half ihm benachbarte Bauernfamilie Perticoz, sich zu verstecken.

Die Bauernfamilie Perticoz und ihr Landarbeiter Julien Favet mussten die Geschehnisse machtlos mit ansehen.

 

« […] Et quand je regardais dans les camions, une chose […] m’a frappé […] Les plus grands, ceux qui avaient 10, 12 ans, essayaient de sauter par-dessus les plateaux du camion et, aussitôt, ils étaient remis en place par deux Allemands, qui les prenaient et qui les rejetaient dedans comme des sacs de pommes de terre, comme de vulgaires sacs […] Et en arrivant dedans, un autre les prenait à coups de pied […] J’ai vu Monsieur Zlatin, le directeur de la colonie, qui s’est levé de dessus le banc du camion et il a crié à mon patron, qui était sur la porte : « Monsieur Perticoz, ne sortez pas, restez bien calé chez vous ! » Et puis un soldat allemand lui a enfilé sa mitraillette dans le ventre et un grand coup de pied dans les tibias. Le coup de mitraillette l’a plié en deux et il était obligé de se coucher dans le camion et puis je ne l’ai plus vu. »

„[….] Und als ich in die Lastwagen schaute, viel mir etwas auf […] Die Älteren, die 10, 12 Jahre alt waren, versuchten, von der Ladefläche des Lastwagens zu springen, und sofort wurden sie von zwei Deutschen wieder hinauf geworfen wie Kartoffelsäcke, wie gewöhnliche Säcke […] Und sobald sie wieder oben waren, trat sie ein anderer mit den Füßen […] Ich sah Herrn Zlatin, den Leiter des Kinderheims, wie er von der Lastwagenbank aufstand und meinem Chef, der an der Tür stand, zurief: „Monsieur Perticoz, kommen Sie nicht heraus, bleiben Sie im Haus! „Dann rammte ihm ein deutscher Soldat sein Maschinengewehr in den Bauch und trat ihm brutal gegen die Schienbeine. Der Maschinengewehrstoß ließ ihn zusammenbrechen und er musste sich in den  Lastwagen hinlegen und ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. “

Zeugenaussage Julien Favets im Prozess gegen Klaus Barbie in der Anhörung am 27. Mai 1987

 

Fernschreiben vom 6. April 1944 (© CDJC Shoah Memorial)

Der Transport verlässt das Dorf Lélinaz. Die Bewohner der Dörfer hörten die Kinder das Lied „Vous n’aurez pas l’Alsace et la Lorraine“ singen. Der Lastwagen hält vor dem Bilbor-Süßwarenladen in Brégnier-Cordon, um zu tanken. Die deutschen Soldaten ließen den 8-jährigen René-Michel Wucher gehen, der von einer Verwandten erkannt wurde; er war das einzige nichtjüdische „Landeskind“.

Am Abend des 6. April 1944 schickte Klaus Barbie um 20:10 Uhr ein unterschriebenes Fernschreiben an den Leiter der Sicherheitspolizei und der Sicherheitsdienste in Frankreich nach Paris, zu Händen der Abteilung Jüdische Angelegenheiten der Gestapo.

Er erwähnte die Razzia im Kinderheim von Izieu, zählte die verhafteten Personen auf und sprach ihren Transport nach Drancy am 7. April 1944 an.

Während der Razzia im Kinderheim Izieu wurden 44 Kinder (im Alter von 5 bis 17 Jahren) und 7 jüdische Erwachsene verhaftet und deportiert. Miron Zlatin und 2 Jugendliche werden in Reval (dem heutigen Tallinn) in Estland erschossen. 42 Kinder und 5 Erwachsene wurden in Auschwitz-Birkenau ermordet. Die Erzieherin Léa Feldblum ist die einzige Überlebende.

 

 

 

Die Denunziationsfrage

Häufig war von der Denunziation des Kinderheims von Izieu die Rede. Der Verdacht lastete schwer auf dem lothringischen Flüchtling und Bauern Lucien Bourdon, der am Tag der Razzia zusammen mit den Deutschen vor Ort anwesend war. Lucien Bourdon wurde wegen Verrats und Zusammenarbeit mit dem Feind angeklagt und am 13. Juni 1947 in Lyon vor Gericht gestellt. Die Anklage der Denunziation wurde nicht erhoben, da kein Beweis, kein Geständnis und keine Zeugenaussage sie rechtfertigten. Das Gericht befand ihn lediglich „der nationalen Unwürdigkeit“ für schuldig. Gegen ihn wurde die „Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit” verhängt und er wurde umgehend freigelassen.

Die Anwesenheit jüdischer Kinder in Izieu erfolgte weder geheim noch im Verborgenen. Nach dem derzeitigen Stand der Geschichtsforschung lässt sich unmöglich schließen, aufgrund welcher Informationen die Gestapo von Lyon die Verhaftungen im Kinderheim von Izieu anordnen und organisieren konnte. Es gibt zahlreiche Vermutungen: Briefe zwischen den Kindern und ihren Familien, behördliche Aufzeichnungen über die Einrichtung und die tägliche Verwaltung des Heims, der Unterricht der Älteren in Belley, Informationen der Gestapo während der Razzia auf dem Gelände der UGIF in Chambéry und andere.

 

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