DAS HAUS: DER ZUFLUCHTSORT IN DEN JAHREN 1943-44

Porträts der Kinder

Die Heimkinder

Miron Zlatin führt monatlich aktualisierte Listen der im Heim anwesenden Kinder, um die vom OSE-UGIF für die Betreuung jedes Kindes gezahlten Beträge zu rechtfertigen.

Die erste Liste stammt vom Mai 1943: Sie vermerkt die Ankunft von 9 jüdischen Flüchtlingskindern aus dem Hérault, zu denen am 28. Mai 5 weitere Kinder hinzukamen.

Einige Kinder kommen, andere gehen. Im September 1943 beherbergte das Haus bis zu 64 Kinder gleichzeitig.

Bis Januar 1944, dem Datum der letzten Liste im von Miron Zlatin geführten Register, ist belegt, dass 105 Kinder jeden Alters im Maison d’Izieu untergekommen waren. Einige bleiben ein paar Wochen, andere ein paar Monate. Für sie ist das Haus ein Durchgangsort, bevor sie ihre Familien wiedersehen, die in der Schweiz Zuflucht gefunden haben oder an andere Häuser oder Gastfamilien verwiesen wurden.

Schon vor ihrer Ankunft in Izieu kamen viele in anderen Kinderheimen unter, wo sie aber nur für kurze Zeit blieben.

Je nach den Umständen ihrer Ankunft im Kinderheim und ihrem Alter erscheint den einzelnen Kindern das Haus auf ganz unterschiedliche Weise.

Alec Bergman (13 Jahre alt), der im Sommer mit seinen beiden Freunden Marcel und Coco Bulka ankam, erscheint es als einfaches Sommerlager. Samuel Pintel (6 Jahre alt), der bei einer kürzlich erfolgten Razzia brutal von seiner Mutter getrennt wurde, fühlt sich isoliert und glaubt, das einzige jüdische Kind zu sein.

Einige nichtjüdische Kinder wurden im Sommer 1943 aus sozialen Gründen oder für einen Aufenthalt abseits der Stadt bzw. an der frischen Luft im Kinderheim aufgenommen.

Die Gründe und Umstände der Abschiede sind vielfältig:

Hélène und Bernard Waysenson oder Alec Bergman kommen unmittelbar in ihre Familien zurück, die Schutz und eine sichere Hafen Zuflucht konnten.

Die Brüder Edmond und Alfred Adler blieben für knapp zwei Wochen in Izieu. Sie werden dann bei Gastfamilien in Obersavoyen untergebracht.

Henry Alexander wird an andere OSE-Häuser verwiesen.

Paul Niedermann, Georges Hirtz, Emil, Sara und Simon Szarf sowie Samuel Stern gelangen zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedlichen Wegen in die Schweiz. Dort fanden sie Zuflucht bis zum Ende des Krieges.

Von den 61 Kindern, die das Heim vor dem 6. April 1944 verlassen haben, findet sich nur der Name eines Mädchens auf der Liste eines Deportationstransports aus Frankreich. Es handelt sich um Violette Avidor, die am 20. Mai 1944 mit dem Konvoi Nr. 74 deportiert wurde.

 

DIE NAMEN DER KINDER, DIE VON 1943 BIS 1944 IM HEIM VON IZIEU ZUFLUCHT FANDEN

 

Georgy Halperns Schicksal

Georgy Halpern.
Auf der Rückseite in Henrys Handschrift: ein Freund und Schlingel aus Izieu, Georges Halpern“. Dieses Foto wurde Henry Alexender im Sommer 1943 im Kinderheim von Izieu übergeben. © Maison d’Izieu / Coll. Henry Alexander

Georgy Halpern ist eines jener Kinder von Izieu, von dem zahlreiche Briefe und Zeichnungen erhalten geblieben sind. Seine Briefe an seine Eltern enthalten wertvolle Informationen über den Alltag im Kinderheim.

Georges Halpern, genannt Georgy, wurde am 30. Oktober 1935 in Wien (Österreich) geboren. Er ist der einzige Sohn von Seraphine Friedmann und Julius Halpern, einem Zahnarzt polnischer Herkunft.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich am 13. März 1938 fanden 60.000 österreichische Juden Zuflucht in Frankreich. Unter ihnen auch die Halperns.

Dokumente, die im Archiv des Departements Ain gefunden wurden, belegen, dass Seraphine Halpern am 1. Januar 1939 nach Frankreich kam.

Nach Ausbruch des Krieges wurden deutsche und österreichische Juden, die in Frankreich Zuflucht gefunden hatten, von den Behörden der Dritten Republik als „Angehörige feindlicher Länder“ interniert.

Seraphine, die krank war, wurde ins Krankenhaus Saint-Louis in Perpignan eingeliefert, dann ins Sanatorium de l’Espérance in Hauteville (Ain); Julius war einer der zehntausenden Ausländer, die in den Groupements de travailleurs étrangers (GTE) eingesetzt wurden.

Die Aufzeichnungen des Internierungslagers Rivesaltes zeigen, dass Julius, Seraphine und Georgy Halpern dort interniert wurden. Julius’ Akte zeigt an, dass er am 2. Oktober 1942 in die Baracke 24 von Block K ins Lager aufgenommen wurde. Seraphines Akte zeigt keinerlei Datum.

Georgy wurde dem OSE anvertraut und kam nach und nach in den unterschiedlichsten Häusern unter. Für das Jahr 1940 findet sich sein Name auf der Liste des Kinderhauses von Schloss Chaumont in Mainsat (Creuse). Später wurde er im selben Departement im Schloss Masgelier aufgenommen, von wo aus er am 31. Juli 1942 seiner Mutter schrieb.

Nach den Aufzeichnungen des Lagers Rivesaltes wurde Georgy dort ab dem 4. Oktober 1942, zwei Tage nach seinem Vater, eingewiesen und am 9. Oktober 1942 entlassen.

Anfang April 1943 verließ er das Haus von Campestre in Lodève (Hérault), um über Montpellier im Mai 1943 im Kinderheim von Izieu (Ain) aufgenommen zu werden.

Georgy kam wahrscheinlich am 18. Mai 1943 in Izieu an, weil er in dem von Miron Zlatin geführten Register für besagten Monat Mai als 14 Tage lang anwesend vermerkt wurde. Er gehört zu einer der ersten Gruppen von Kindern, die im Heim aufgenommen wurden.

Zu Beginn des Schuljahres im Oktober 1943 zählte er zu den Grundschülern in der Klasse Gabrielle Perriers.

Während seines Aufenthalts in Izieu hielt Georgy Kontakt zu seinen Eltern, die ihm regelmäßig Briefe und Pakete schickten. Georgy antwortet ihnen und fügt seinen Briefen Zeichnungen bei. In seinen Briefen beschreibt er seinen Heimalltag, die Mahlzeiten, die Aktivitäten, den Verlauf des Unterrichts.

Am 6. April 1944 wurde Georgy Halpern zusammen mit den im Heim anwesenden Kindern und Erwachsenen verhaftet, am 13. April 1944 im Konvoi 71 aus Drancy deportiert und in Auschwitz ermordet.

Nach der Befreiung Frankreichs suchten seine Eltern, die überlebt hatten, nach ihm. 1948 bestätigt ein Verwaltungsdokument den Tod Georgys am 18. April in Auschwitz. Julius und Séraphine Halpern bezweifeln, dass ihr Sohn tot ist. Von ihrer neuen Heimat Israel aus suchten sie bis 1982 über die Presse nach ihm. 1987 waren sie Nebenkläger im Prozess gegen Klaus Barbie in Lyon. Sie starben 1989.

Serge Klarsfeld sammelte die Dokumente über Georgy – seine Briefe und Zeichnungen, die Fotos, auf denen er zu sehen ist – und hinterlegte sie im Imperial War Museum von London.

 

 

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