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Sabine und Miron Zlatin

 

Am 13. Januar 1907 wird Sabine Zlatin mit dem Mädchennamen Chwast in Warschau (Polen) als letztes von 12 Kindern geboren. Der Vater ist Architekt. Mitte der zwanziger Jahre entschließt sie sich, ihr Geburtsland zu verlassen. Sie hält sowohl das Familienklima als auch den Antisemitismus nicht mehr aus. Sie reist über Danzig, Königsberg, Berlin, Brüssel und erreicht Nancy in Frankreich im Jahre 1925. Sie entscheidet sich für ein Studium der Kunstgeschichte. Sie macht die Bekanntschaft eines jungen jüdischen Studenten aus Russland, namens Miron Zlatin. Miron wird im Jahre 1904 in Orcha in eine wohlhabende Familie geboren. Er studiert an der Universität in Nancy Agrarwissenschaften. Am 8. Oktober 1928 heiraten sie in Warschau.

 

1929 erwerben Miron und Sabine Zlatin eine Hühnerfarm in Landas im Norden Frankreichs. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entpuppt sich der Betrieb als ein Erfolg. Sie erhalten am 26. Juli 1939 die französische Staatsbürgerschaft.

 

Im September 1939 bricht der Krieg aus. Sabine Zlatin entschließt sich, eine Ausbildung zur Armeeschwester beim Roten Kreuz zu absolvieren. Im Mai 1940 flüchtet das Ehepaar vor dem Vormarsch der deutschen Truppen nach Montpellier. Sabine Zlatin arbeitet als Krankenschwester des Roten Kreuzes im Militärkrankenhaus von Lauwe. Nachdem ihr aufgrund der antisemitischen Gesetze gekündigt wird, engagiert sie sich in der Hilfsorganisation OSE (Oeuvre de Secours aux Enfants). Ihr Lebensweg führt sie später nach Izieu im Departement Ain.

 

Nach der Razzia am 6. April 1944 in Izieu geht Sabine Zlatin nach Paris, wo sie sich in der Widerstandsbewegung engagiert.
Zum Zeitpunkt der Befreiung wird sie zur Leiterin des Hotels Lutétia ernannt, wo die Aufnahme und die Rückkehr der Deportierten organisiert werden. Im Juli 1945 erfährt Sabine Zlatin, dass ihr Mann und die Kinder der Kolonie in Izieu aus der Deportation nicht mehr zurückkehren werden.
Nach der Schließung des Hotels Lutétia im September 1945 lässt sie sich endgültig in Paris nieder. Sie wird Kunstmalerin, unterzeichnet ihre Gemälde mit dem Namen Yanka und arbeitet nebenher als Buchhändlerin mit dem Fachgebiet Schauspielkunst.

 

Seit1945 hat sich Sabine Zlatin unaufhörlich für das Gedenken an die Razzia in Izieu eingesetzt. Sie ist Zeugin im Prozess von Klaus Barbie und ein Hauptakteur bei der Gründung der im April 1994 eingeweihten Gedenkstätte in Izieu.

Georgy Halpern, recto de la photographie. (© Maison d'Izieu / Coll. Henry Alexander)
Georgy Halpern, verso de la photographie. (© Maison d'Izieu / Coll. Henry Alexander)

Georgy Halpern

 

Georgy Halpern ist eines der Kinder in Izieu, von dem zahlreiche Briefe und Zeichnungen erhalten werden konnten. Die an seine Eltern gerichteten Briefe enthalten sehr wertvolle Informationen zu dem Ablauf des alltäglichen Lebens in der Kolonie.

 

Georges Halpern, genannt Georgy, wird am 30. Oktober 1935 in Wien (Österreich) geboren. Er ist der einzige Sohn von Julius Halpern, einem Zahnarzt polnischen Ursprungs, und Séraphine Friedmann.

 

Nach dem Anschluss Österreichs am 13. März 1938 finden 60 000 österreichische Juden Zuflucht in Frankreich. Zu ihnen gehört auch die Familie Halpern,
Aus Unterlagen, die man im Archiv des Departements Ain gefunden hat, geht hervor, dass Séraphine Halpern Frankreich am 1. Januar 1939 erreicht.
Seit dem Kriegsausbruch werden die nach Frankreich geflohenen deutschen und österreichischen Juden von den Behörden der III. Republik als „Staatsangehörige feindlicher Länder“ in Internierungslagern untergebracht.

 

Die kranke Séraphine wird in das Krankenhaus Saint-Louis in Perpignan eingeliefert und dann ins Sanatorium Espérance in Hauteville (Ain); Julius gehört zu den Zehntausenden Ausländern, die in die Gruppen ausländischer Arbeiter (Groupements de travailleurs étrangers GTE) integriert werden.

 

Aus den Registern des Internierungslagers von Rivesaltes geht hervor, dass Julius, Séraphine und Georgy Halpern in dieses Lager interniert werden. Laut der Datei kommt Julius am 2. Oktober 1942 in das Lager, in die Baracke 24 im Abschnitt K. Auf Séraphines Datei steht kein Datum.

 

Georgy, der dem Hilfswerk OSE anvertraut wird, hält sich in mehreren Häusern des Hilfswerks auf. Sein Name befindet sich 1940 auf der Liste des Kinderheims des Schlosses Chaumont in Mainsat (Creuse). Später hält er sich im gleichen Departement im Schloss von Masgelier auf, von wo er seiner Mutter am 31. Juli 1942 einen Brief schreibt.
Laut der Register des Internierungslagers Rivesaltes wird Georgy am 4. Oktober 1942, zwei Tage nach der Ankunft seines Vaters, in diesem Lager untergebracht. Am 9. Oktober 1942 verlässt er das Lager.
Anfang April 1943 verlässt er das Haus Campestre in Lodève (Hérault) und erreicht Montpellier, von wo er im Mai 1943 in die Kolonie von Izieu (Ain) geschickt wird.

 

Georgy erreicht Izieu wahrscheinlich am 18. Mai 1943, denn er befindet sich auf der von Miron Zlatin geführten Anwesenheitsliste für eine Zeitdauer von 14 Tagen im Monat Mai. Er gehört mit zu den ersten Kindern, die in der Kolonie ankommen.
Zum Zeitpunkt des Schulanfangs im Oktober 1943 gehört er mit zu den Schulkindern der 2. Klasse. Seine Lehrerin ist Gabrielle Perrier.

 

Während seines Aufenthalts in Izieu unterhält er einen regen Kontakt mit seinen Eltern, die ihm regelmäßig Briefe und Päckchen zuschicken. Georgy antwortet ihnen und legt seinen Briefen Zeichnungen bei. In seinen Briefen beschreibt er das alltägliche Leben in der Kolonie, die Mahlzeiten, die verschiedenen Aktivitäten und den Schulunterricht.

 

Am 6. April 1944 wird er mit den anderen Kindern und Erwachsenen der Kolonie im Rahmen der Razzia verhaftet und nach Drancy abtransportiert. Von hier wird Georgy Halpern am 13. April 1944 im Transport Nr. 71 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

 

Bei der Befreiung suchen ihn seine Eltern, die überlebt haben. 1948 bestätigt ein Verwaltungsdokument den Tod Georgy am 18. April in Auschwitz. Julius und Séraphine Halpern glauben nicht an seinen Tod. Von Israel aus, wo sie jetzt leben, veröffentlichen sie bis 1987 Vermisstenanzeigen in der Presse. 1987 sind sie Nebenkläger im Prozess von Klaus Barbie in Lyon. Sie sterben 1989.

 

Serge Klarsfeld hat Dokumente zu Georgy zusammengestellt – seine Briefe und Zeichnungen, sowie Photographien, auf denen er zu erkennen ist – und hat sie dem Impérial War Museum in London zur Verfügung gestellt.