Das Alltagsleben

Wohnort

Das Alltagsleben

 

Ein Basiskomfort

 

Der Komfort des Hauses ist beschränkt. Die Gebäude sind nicht in einem sehr guten Zustand.
Mit Ausnahme von kleinen Heizöfen gibt es weder Heizung noch fließendes Wasser.
Marie-Antoinette Cojean, Sekretärin an der Unterpräfektur von Belley, wendet sich an die sozialen Einrichtungen, um Betten, Decken, Tische und Küchenutensilien für die Kinderkolonie zu beantragen.
Für die Verpflegung treibt der Unterpräfekt Pierre-Marcel Wiltzer ca. vierzig Essenskarten auf. Diese sind aber für die Verpflegung aller Kinder nicht ausreichend. Miron Zlatin durchstreift regelmäßig das Dorf und die Umgebung mit seinem Fahrrad und dem Anhänger, um die fehlenden Nahrungsmittel aufzutreiben. In Brégnier-Cordon gibt das Süßwarengeschäft Bilbor Lebensmittel.

 

Die Kinder helfen bei der Zubereitung der Mahlzeiten. Im Sommer schälen sie auf der Terrasse gemeinsam das Gemüse. Die Jugendlichen Theo und Paul werden von Miron Zlatin mit dem Anlegen eines Gemüsegartens beauftragt. Dieser soll die Verpflegung vervollständigen. Dafür erhalten sie ein bisschen Taschengeld.

 

Im Sommer waschen sich die Kinder an dem großen Brunnen.
Im Winter waschen sie sich im Flur des Hauses, wo das Wasser in einem Kessel aufgewärmt wird.

 

Spiele, das Baden in der Rhône, Spaziergänge und vor allem das Zeichnen bestimmen das Leben in der Kolonie vor der Ankunft der Lehrerin im Oktober 1943. In einem Brief an Sabine schreibt Miron Zlatin, dass die Kinder regelrechte „Papierfresser“ sind, die ihn ständig um Hefte und Bleistifte bitten.

 

Jedes Fest ist Anlass, die Beziehungen zu vertiefen: die Kinder wünschen sich gegenseitig alles Gute zum Geburtstag. An Weihnachten bereiten sie eine Aufführung vor und fertigen verschiedene Kostüme an.

 

Die Kinder gewöhnen sich zwar an ihre neue Umgebung, aber sie leiden weiterhin unter der Trennung von ihren Eltern und ängstigen sich.

 

„Ich erinnere mich unter den Kindern besonders an Theo Reis, der so alt war wie ich. Wir haben auf dem Dachboden zusammen geschlafen. Wir schliefen auf dem Boden, auf Matratzen. Es gab kein richtiges Bett. Ich erinnere mich auch an Léa Feldblum. Ich erinnere mich sehr gut an ihr Gesicht von damals. Sie war zu uns allen ein wenig wie eine Mutter. Sie kümmerte sich hauptsächlich um die kleineren Kinder.
Das Essen war recht gut. Ich erinnere mich nicht daran, in Izieu jemals Hunger gehabt zu haben. Tagsüber spielten wir, amüsierten uns, wir sangen, gingen spazieren, so was eben.“

Henry Alexander, er kam im Sommer 1943 in die Kolonie.

 

„Ich erinnere mich daran, dass wir mindestens zweimal im Sommer mit Léon Reifman zum Baden an die Rhône gingen. Wir mussten stundenlang durch die Felder gehen und na ja, dann kamen wir an. Er musste sich bereits umgeschaut haben, weil die Rhône hier und da gefährlich ist. Es gibt da Löcher und Strudel. Ich nehme an, dass er die Badestellen für uns sehr sorgfältig ausgesucht hatte, denn es ist uns nie etwas passiert..
Von den Lehrern sprach keiner Deutsch oder Yiddish, es wollte auch niemand diese Sprachen sprechen. Sie wollten, dass wir Französisch sprachen. Und das war gut so.“

Paul Niedermann, er kam im Sommer 1943 in die Kolonie

 

„Jeden Abend ging ich von Matratze zu Matratze, ich musste Geschichten erzählen, denn die Jungs wollten alle eine Geschichte erzählt bekommen, jeder wollte seine eigene Geschichte haben. Und da unter dem Fenster stand dann Emil (Zuckerberg).
Hier ging meine Tournee dann zu Ende, ich musste Emil beim Einschlafen helfen. Es war ein kleiner blonder Junge mit blauen Augen, er trug immer blaue Kleidung. Er war goldig und einfach reizend. Er war so geschockt, weil er mit ansah, wie seine Eltern verhaftet wurden.“

Paullette Pallarés-Roche, sie war im Sommer1943 als Betreuerin in Izieu

 

Die Beziehungen zu Freunden vertiefen, an die Familie schreiben

 

Jugendliche wie Paul, Theo oder Henry haben verstanden, dass sie ihre Familien nicht wiedersehen würden. Die kleineren Kinder hoffen noch.

Sobald sie einen Kontakt mit einem Familienmitglied haben, schreiben sie Briefe und versenden ihre Zeichnungen. Sie erzählen von ihrem Alltagsleben, ihren Bedürfnissen und Hoffnungen.

 

Als Souvenir an die gemeinsame Zeit in Izieu oder als Zeichen der Freundschaft, tauschen die Jugendlichen Photographien oder Porträts mit einer Widmung untereinander aus. Abends, zumeist auf der Terrasse, sprechen sie über ihre gemeinsame Zukunft.

 

„Sprachen wir über unsere Eltern oder unsere Vergangenheit, über solche Dinge? Ich weiß, dass wir über die Zukunft sprachen, unsere Hoffnung war groß. Wir sprachen über unsere Zukunft, dass wir überleben würden, heiraten würden und eine Familie gründen würden. Theo und ich wussten, dass wir unsere Familie nicht mehr wiedersehen würden, sollten wir sie wiedersehen, wäre das wirklich ein Wunder.“
Henry Alexander, er kam im Sommer 1943 in die Kolonie